Viele Teilprozesse der industriellen Bekleidungsproduktion, etwa der Zuschnitt oder das Bügeln, sind heute bereits weitgehend automatisiert. Die Konfektion, also das Zusammenfügen der zugeschnittenen Stoffteile zum fertigen Kleidungsstück, bleibt dagegen bis heute der am wenigsten automatisierte Produktionsschritt. Die größte technische Herausforderung liegt dabei nicht im eigentlichen Nähprozess, sondern im autonomen Greifen, Positionieren und Führen flexibler Stoffe, dem sogenannten Fabric Handling.
Grundlage dieses Beitrags ist ein Wettbewerbs-Screening, das im Rahmen eines Beratungsprojekts für das österreichische Deep-Tech-Startup silana durchgeführt wurde. Dabei wurden 168 Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Konsortien und weitere Marktakteure untersucht. Die Analyse zeigt, weshalb Fabric Handling bis heute die größte technische Herausforderung der Branche bleibt, welche Lösungsansätze sich herausgebildet haben und wodurch die aktuelle Dynamik im Wettbewerbsumfeld geprägt wird.
Ein Problem, das seit den 1980er Jahren bekannt ist
Freies Fabric Handling bezeichnet das autonome Greifen und Positionieren flexibler Stoffe, ohne dass ein Mensch den Stoff ausrichtet oder das Stoffteil in eine Schablone gelegt wird. Anders als Metall oder Kunststoff verändert Textil bei Berührung seine Form, verrutscht oder bildet Falten. Genau diese Materialeigenschaften machen die Handhabung von Textilien für Roboter deutlich anspruchsvoller als Automatisierungsaufgaben wie Schweißen oder Montage.
Neu ist diese Herausforderung in der Bekleidungsproduktion allerdings nicht. Bereits 1982 startete in Japan mit dem staatlich geförderten Programm TRAAS (Total Robotic Apparel Assembly System) eines der ersten großen Forschungsvorhaben zur vollständigen Automatisierung der Bekleidungsproduktion. Ziel war es, eine durchgehende, robotergestützte Produktion von der Stoffrolle bis zum fertigen Kleidungsstück zu entwickeln, mit freiem Fabric Handling und ohne manuelle Eingriffe. Mehr als vier Jahrzehnte später ist dieses technologische Problem noch immer nicht vollständig gelöst.
Wie Unternehmen das Fabric Handling lösen
Die Analyse zeigt sechs technologische Ansätze, mit denen Akteure das Fabric Handling adressieren oder umgehen (Abbildung 1). Daneben steht der Massenmarkt, der bis heute überwiegend auf schablonenbasierte Verfahren setzt. Dabei wird der Stoff manuell in eine Schablone eingelegt, bevor die Maschine den eigentlichen Nähprozess übernimmt. Freies Fabric Handling findet dabei nicht statt.
Darüber hinaus verfolgen einige Akteure alternative Fertigungskonzepte, die das Problem nicht direkt lösen, sondern umgehen. Dazu zählen Verfahren, bei denen Stoffe temporär mit einem wasserlöslichen Polymer versteift oder Stofflagen verklebt werden. Andere ersetzen das Nähen vollständig durch formgebende Strickverfahren. Diese Ansätze können in spezifischen Anwendungsfällen sinnvoll sein, stellen jedoch keine universelle Lösung für freies Fabric Handling dar.
Eine weitere Gruppe adressiert Fabric Handling zwar direkt, jedoch nur teilweise. Hierzu zählen vor allem Vakuumsysteme sowie humanoide Roboter, deren Einsatz derzeit noch auf bestimmte Materialien, Geometrien oder einzelne Prozessschritte beschränkt ist.
Lediglich elf der 168 analysierten Marktakteure verfolgen fortgeschrittene Ansätze für freies Fabric Handling. Dazu zählen insbesondere Systeme auf Basis von Vision AI und Roboterarmen sowie elektroadhäsive Greiftechnologien. Ihr gemeinsames Ziel ist es, unterschiedliche Stoffe ohne Schablonen autonom zu greifen, zu positionieren und zu führen. Die meisten dieser Lösungen befinden sich jedoch noch im Prototypenstadium oder in einer frühen Phase der Kommerzialisierung.
Klassifikation: „Fortgeschritten“ bezeichnet Ansätze, die grundsätzlich autonom mit unterschiedlichen Stoffen arbeiten können. „Teilweise“ umfasst Ansätze mit funktionalen Einschränkungen hinsichtlich Materialvielfalt oder Geometrie.
Die Entwicklung gewinnt an Dynamik
Über viele Jahre entwickelte sich die Nähautomatisierung nur schrittweise. Seit wenigen Jahren zeichnet sich jedoch eine deutlich höhere Innovationsdynamik ab. Im Markt werden zunehmend neue Demonstratoren, Forschungsprogramme und technologische Kooperationen vorgestellt. Gleichzeitig engagieren sich verstärkt große Industrieunternehmen in einem Bereich, der lange vor allem von spezialisierten Technologieanbietern geprägt war.
Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit zwischen dem Automatisierungskonzern OMRON und dem Nähtechnikunternehmen Matsuya, die seit 2022 gemeinsam an Lösungen für die vollautomatisierte, robotergestützte Bekleidungsproduktion arbeiten. Auch staatlich geförderte Forschungsprogramme und öffentliche Demonstratoren nehmen zu. 2026 wurde eine integrierte, weitgehend automatisierte Produktionslinie öffentlich vorgestellt, die den Fertigungsprozess von der Stoffrolle bis zum fertigen Kleidungsstück abdeckt.
Gleichzeitig erweitern neue Robotikansätze das technologische Spektrum. Seit 2025 werden erste humanoide Systeme im Kontext der Bekleidungsproduktion vorgestellt. Ihr Potenzial liegt vor allem darin, bestehende manuelle Arbeitsschritte zu übernehmen. Das eigentliche Problem des Fabric Handlings lösen sie bislang jedoch nicht eigenständig, sondern arbeiten überwiegend mit schablonenbasierten Prozessen oder befinden sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium.
Innovation entsteht auf unterschiedlichen Wegen
Die Analyse zeigt zwei unterschiedliche Modelle, wie Innovation im Bereich der Nähautomatisierung vorangetrieben wird. Während in Europa und Nordamerika vor allem technologieorientierte Startups eine zentrale Rolle spielen, dominieren in Teilen Asiens stärker koordinierte Strukturen aus Industrie, Forschung und staatlicher Förderung.
Ein konkretes Beispiel dafür ist Südkorea. Dort entwickelte ein staatlich gefördertes Konsortium aus zehn Partnern, darunter Hyundai Robotics und mehrere Forschungsinstitute, zwischen 2020 und 2021 unter dem Namen 5G Sewing Robot Smart Factory eine vernetzte, robotergestützte Nählinie. Das Projekt endete mit einem funktionsfähigen Demonstrator, ein kommerzieller Nachfolger ist bislang nicht bekannt.
Diese Organisationsform ermöglicht es, industrielle Erfahrung, wissenschaftliche Forschung und langfristige Finanzierung innerhalb gemeinsamer Entwicklungsprogramme zu bündeln, und unterscheidet sich damit deutlich von den überwiegend startupgetriebenen Innovationsmodellen in Europa und Nordamerika.
Zentrale Implikationen für die Branche
- Der technologische Standard ist noch offen
Bis heute hat sich kein dominierender technologischer Ansatz für freies Fabric Handling etabliert. Der Großteil des Marktes setzt weiterhin auf schablonenbasierte Verfahren oder adressiert Fabric Handling nur teilweise. Dadurch befindet sich die Branche weiterhin in einer Phase offener technologischer Konkurrenz. Unternehmen, denen es gelingt, einen skalierbaren und wirtschaftlich tragfähigen Ansatz zu etablieren, könnten den künftigen Standard selbst setzen, statt einen bestehenden zu bedienen, und sich dadurch nachhaltige Wettbewerbsvorteile sichern. - Materialvarianz entscheidet über Skalierung
Nicht die Leistungsfähigkeit unter idealen Bedingungen entscheidet über den langfristigen Erfolg eines Fabric-Handling-Ansatzes, sondern seine Generalisierbarkeit. Technologien, die ohne grundlegende Anpassungen mit unterschiedlichen Stoffarten und Geometrien arbeiten können, besitzen das größte Potenzial für eine breite industrielle Anwendung. - Wettbewerb wird zunehmend durch Innovationsökosysteme geprägt
Die Analyse deutet darauf hin, dass technologische Fortschritte immer häufiger in Netzwerken aus Industrie, Forschung und Robotik entstehen. Mit zunehmender technologischer Komplexität könnte die Fähigkeit, komplementäre Kompetenzen und Ressourcen innerhalb solcher Ökosysteme zu bündeln, künftig stärker über Innovationsgeschwindigkeit entscheiden als die Leistungsfähigkeit einzelner Unternehmen.

